Kinderhilfe Afghanistan

Afghanistan

MARKUS ZIENER, DSCHALALABAD
HANDELSBLATT, 3.5.2005

Sie leuchten weiß, rot oder violett. Und sie waren zu sehen, so weit das Auge reicht: Felder, auf denen Schlafmohn angebaut wurde, wo aus dicken Knospen farbenprächtige Blüten schlugen. Wer vor einem Jahr über den Khyber-Pass aus Pakistan über Shinwar nach Afghanistan fuhr, der konnte mit eigenen Augen sehen, wie wenig Fortschritte im Kampf gegen die Drogen am Hindukusch erzieltwurden. Afghanistan stellte 2004 mit 4 200 Tonnen Rohopium einen neuen Ernterekord auf.
Doch nur ein Jahr später ist alles anders. Das gilt zumindest für die Provinz Nangahar, aus der immerhin rund ein Drittel der gesamten Opiumproduktion des Landes stammte. Dort muss man heute die wenigen chlafmohnfelder mühsam suchen. „97 Prozent der Produktion sind verschwunden“, bestätigt Nangahars Gouverneur, Haji Din Mohammed. „Das ging ohne Gewalt, nur mit Überzeugung“, sagt der Gouverneur. Aber wohl auch mit handfesten Versprechungen.
Mehrere Investitionsprojekte sollen künftig das Leben der ehemaligen Drogenbauern leichter machen und sie und damit das Land aus dem gefährlichen Drogenkreislauf befreien, der Afghanistans Zukunft gefährdet. Denn das in Wien ansässige Uno-Büro für Drogen und Kriminalität (Unodoc) hatte Ende 2004 so deutlich wie noch nie davor gewarnt, dass Afghanistan aufdembesten Wege zum „Narko-Staat“ sei. Weizen und Gemüse statt Opium heißt nun die Perspektive, staatliche Hilfen sollen nun wenigstens einen Teil der Verluste aus dem Drogen-Geschäft ausgleichen, verlangen die ehemaligen Opium-Bauern.

Eine Goodwill-Aktion der Drogenbarone?

Haji Alaiss Khan ist einer von ihnen, er hat sein Leben lang Schlafmohn angebaut. Auf seiner kleinen Parzelle in den Bergen in Markikhel in der Region Khogiany gewann er jedes Jahr genug Rohopium, um seiner Großfamilie ein gutes Auskommen zu sichern. Haji Alaiss muss zwei Frauen und 14 Kinder ernähren. „Mit Weizen und Gemüse“, sagt der 43-Jährige, „verdiene ich jetzt ein Zehntel von dem, was ich letztes Jahr bekam.“Und schon das war nur ein Bruchteil dessen,was die Opium-Pyramide an Wertschöpfung schafft. Denn der afghanische Bauer sitzt amAnfang jener Kette, die Drogenlabors und Drogenhändler auf demWeg der Ware bis nach Europa
so gut verdienen lässt. Bis die Briefchen mit Heroin grammweise in Berlin, London oder Paris an die Abhängigen
verkauft werden.
Dass die Abkehr vom Schlafmohn vielleicht aber nicht nur auf die Einsicht der Bauern zurückzuführen ist, lässt sich indes erahnen. So erkennen ausländische Experten in Dschalalabad in der Kehrtwende der Farmer bislang nicht viel mehr als eine reine Goodwill-Aktion der Drogenbarone. Eine, die den Marktpreisen dabei noch zugute kommt. Denn der Preis für das Kilo Opium hatte sich nach der Großernte des Vorjahres schon der Marke von 100 US-Dollar angenähert. Inzwischen soll sich der Wert wieder verdoppelt haben. „Es ist noch reichlich Opium in den Lagern vorhanden“, sagen die Experten. „Das wird jetzt erst mal verkauft.“
Doch die Staatsgewalt will das nicht länger hinnehmen. „Wir haben die Leute gewarnt – diesmal machen
wir Ernst“, behauptet Al-Haj Hazrat Ali, der Sicherheitschef von Nangahar. Sämtliche 24 Kommandeure der Provinz habe er in Dschalalabad versammelt und ihnen mit Konsequenzen gedroht, sollten sie sich wieder auf irgendwelche Geschäfte mit den Bauern und den Händlern einlassen. „Vier Kommandeure habe ich gefeuert, weil sie meine Anweisungen nicht befolgten“, gibt sich Ali vor den westlichen Besuchern betont streng. Aus anderen Provinzen, wie etwa aus Kandahar im Süden oder aus Helmand, sind weniger positive Meldungen zu hören.Warum? „Dort kooperiert die Polizei mit der Drogenmafia“, sagt Ali.
Dass dies inNangahar nicht mehr so sein soll, glauben noch längst nicht alle, die sich in Dschalalabad
etwas in dem Geschäft auskennen. Denn zu lange funktionierte das Geben und Nehmen zwischen Zoll, Polizei
und Händlern zur gegenseitigen Bereicherung. Da wussten die Zöllner an den Grenzen schon vorab genau, welche Wagen mit welchen Kennzeichen durchzuwinken waren und welche man als Beute präsentieren durfte. Doch wie auch immer: Die verschwundenen Mohnfelder sind erst einmal ein Faktum.

Der politische Druck auf die Regierung wächst

Richtig ist allerdings auch, dass der politische Druck auf die Regierung von Hamid Karsai im vergangenen Jahr beträchtlich gestiegen war. Mit einem geschätzten Umsatz von 2,8 Milliarden Dollar mache die Drogenwirtschaft
schon zwei Drittel des gesamten afghanischen Bruttoinlandsprodukts aus. 87 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Heroin wurde 2004 aus afghanischen Quellen gedeckt. Karsai reagierte und erklärte daraufhin die Drogenproduktion zum Hauptproblem des neuen Afghanistans. Die USA stellten zeitgleich für 2005/6 die gewaltige Summe von 780 Millionen Dollar zur Drogenbekämpfung bereit.
Gelingen soll die Umkehr durch einen Mix aus Druck und Anreiz. Offen gedroht wird nun, dass die Drogenfelder
künftig militärisch bekämpft würden, sollten sich die Bauern nicht an das Verbot halten. Dass dieser Kampf auch für die Bundeswehr-Soldaten im Norden des Landes nicht ungefährlich sein könnte, darauf hat der afghanische Präsident den deutschen Verteidigungsminister auf dessen jüngster Visite hingewiesen.

Kein Regierungsbeamter ließ sich im Dorf blicken

Andererseits winkt der Staat mit frischem Geld, das Anreiz für die Bauern sein soll, sich alternative Lebensgrundlagen zu schaffen. Verabschiedet hat man sich damit offen von dem britischen Vorgehen der
letzten Jahre. Die Briten hatten den Drogenbauern für jedes stillgelegte Schlafmohnfeld Entschädigungen
gezahlt. Die Bauern machten von der Offerte reichlich Gebrauch: Sie gaben bei den Behörden viel größere
Flächen an, als sie tatsächlich besaßen, kassierten die Kompensation und ließen den Mohn weiter
blühen.
Dass diese goldenen Zeiten womöglich vorbei sind, spürt auch Haji Alaiss Khan. Der Familienvater tut bestürzt, als er von den verheerenden Wirkungen des Opiums auf Jugendliche in Europa angesprochen wird. Davon habe er nichts gewusst, behauptet er.
Aber er denkt auch an seine Kinder. Deshalb war er dabei, als eine Abordnung seines Dorfes in die Provinzhauptstadt Dschalalabad zog und eine Wunschliste präsentierte. Straßen sollen gebaut werden, damit Früchte und Gemüse auf den Holperwegen nicht mehr völlig zerquetscht werden, sagt der Mann, der wie die meisten seiner Kollegen einen paschtunischen Pakoll auf dem Kopf trägt. „Heute kann ich ein Viertel meiner Ladung wegwerfen, bis ich in Dschalalabad bin“, klagt er. Und einen Damm fordert er, damit es auch dann Wasser in seinem Ort gibt, wenn die Schneeschmelze vorbei ist.
Genau das wünscht sich auch der Gouverneur von seiner Regierung in Kabul und von den westlichen Hilfsorganisationen. Doch wird ihnen das in der Zeit gelingen, in der die Bauern noch ruhig sind? „Das wird scheitern“, sagt ein westlicher Beobachter. Und fügt hinzu: „Schnell geht das alles nicht.“
Und die Mahnungen werden lauter. Noch kein einziger Regierungsvertreter habe sich bisher in ihrem Ort blicken lassen, sagt Haji Alaiss Khan. Von ausländischen Experten ganz zu schweigen. Die Konsequenzen liegen für den Bauern nahe: „Wenn sich nicht bald etwas tut, dann werde ich in 2006 wieder Mohn anbauen“, sagt er. Und seine sechs Nachbarn, die neben ihm auf dem Teppich sitzen, nicken entschieden.

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