Kinderhilfe Afghanistan

Afghanistan


 
Liebeserklärung an ein geschundenes Land

Afghanistan - ein Land, in dem hinter jedem Strauch ein bis an die Zähne bewaffneter Gotteskrieger lauert, in dem Frauen aus dem geringsten Anlass zu Tode gesteinigt werden, die Heimat der Taliban und von El Kaida, in dem der meistgesuchte Terrorist der Welt, Omar bin Laden, sich vielleicht versteckt hält. Dieses Bild hat sich nach den Ereignisse der letzten Monate und Jahre in vielen westlichen Köpfen festgesetzt. Dass dies in weiten Teilen völlig falsch ist und auf sehr verzerrten Berichten beruht, das zeigte Dr. Reinhard Erös am Dienstag im Pädagogium Baden Baden in einem sehr persönlichen und engagierten Lagebild eines geschundenen Landes.
Mit Dr. Erös hatte Herr Büchler, der Leiter des Pädagogogiums einen der profundesten deutschen Kenner Afghanistans eingeladen, der seit 16 Jahren vielfältige, auch private Bindungen zu Afghanistan hat und sich sowohl auf medizinischen Gebiet als auch im Projekt "Kinderhilfe Afghanistan" in diesem Land engagiert hat. Und er schuf in seinem Vortrag mit der Schilderung der Geschichte und der Menschen in Afghanistan die Grundlage für ein völlig neues Bild dieses Landes.
"Ich bin ein Liebhaber dieses Landes geworden" stellte Dr. Erös seinen Vortrag voran. Und so engagiert sich der Arzt schon seit 1986 im humanitären Bereich, obwohl dies zur Zeit der russischen Besatzung nicht erlaubt war. Die heute "berühmten" Höhlen von Tora Bora dienten als Unterschlupf für die Klinik, rund 300 000 Menschen pro Jahr wurden behandelt. "Die Arbeit war in dieser Zeit weit gefährlicher, als später unter den Taliban", so Dr. Erös.
Die Sowjets hatten es in kurzer Zeit "geschafft", ein bis dahin im medizinischem Bereich für ein Dritte-Welt-Land gut versorgtes Gebiet von Ärzten zu entvölkern, sogar das Rote Kreuz durfte nicht mehr arbeiten. "Man kann deshalb heute die Afghanen gut verstehen, dass die über die erneut im Land befindlichen sowjetischen Soldaten nicht gerade begeistert sind".
Ein Bild Afghanistans ohne einen intensiven Blick auf seine Bevölkerung wäre völlig unvollständig. Insgesamt sei die Bevölkerung unglaublich duldungs- und widerstandsfähig. Alle Eroberungsversuche in der viertausendjährigen Geschichte scheiterten am unbändigen Freiheitswillen der Menschen.
Afghanistan selbst ist ein Gebilde aus verschiedenen Provinzen, eine nationale Identität gibt es eigentlich nicht, so dass auch ein Staatsgebilde kaum funktionieren kann. Die Familie oder der jeweilige Volksstamm ist die eigentliche Einheit.
Wichtig für eine Einschätzung der Lage in diesem Land sind die verschiedenen Völker. So ist jenes, das wir Afghanen nennen, identisch mit den Paschtunen, deren Stammesgebiet bis weit hinein ins heutige Pakistan reicht. Das ursprüngliche Gebiet wurde in der Kolonialzeit willkürlich aufgeteilt, "eine der unnatürlichsten Grenzen der Welt", so Dr. Erös. Hier herrscht eine gemeinsame Sprache und Religion. Dies sei auch ein Grund, warum sich die Suche nach den geflohenen Taliban so schwierig gestaltet. Die Loyalität der Paschtunen untereinander steht klar an erster Stelle.
"Europäische Maßstäbe sind in diesem Land in vielen Bereichen einfach nicht anwendbar". Dr. Erös kritisierte dabei vehement die Aussage des amerikanischen Präsidenten Bush, den Kampf gegen eine "unkultivierte Welt" aufzunehmen. "Vergleichen Sie doch einmal die 4000-jährige Kultur der Paschtunen mit den letzten Jahrhunderten in den USA".
Ganz wichtig sei auch, dass der Islam der Paschtunen fast nichts mit der wahhabitisch Richtung der meister Araber zu tun hat. In Afghanistan zeige sich eher ein introvertierter, philosophischer Islam ohne jeden Missionierungsauftrag. "Die Religion ist Bestandteil des gesamten Tagesrhythmus. Allerdings interessierte auch nicht, was der Andere glaubt".
Ganz anders allerdings die hier im Westen sogenannten "Taliban", was nichts anderes sei als der Plural des Wortes Taleb, was soviel sowie Absolvent einer Koranschule bedeute. Begonnen habe alles in den Flüchtlingslagern in Pakistan, wo sechs Millionen Menschen unter unwürdigsten Bedingungen hausten, darunter auch viele Kinder. Hier bauten arabische Moslems Koranschulen und Internate, in denen sie Jungen aus den Lagern unterbrachten ohne Kontakt zu ihren Familien - falls es noch Familien gab. Die Kinder lernten hier einzig die arabische Variante des Islam - und sonst nichts, also weder lesen noch schreien.
Und dies sei auch die Erklärung für das spätere Handeln dieser Kinder als erwachsene "Taliban". Sie setzten unter ihrer Herrschaft ganz einfach das Gelernte wörtlich um. Und das zeigt sich beispielsweise im Frauenbild dieser Menschen, von denen kaum einer einmal in seiner Kinder- und Jugendzeit jemals ein weibliches Exemplar Mensch gesehen hatte.
Trotzdem waren die Afghanen nach der russischen Zeit und danach zwei Jahren reinster Anarchie froh über den Einmarsch der Taliban, die nach dem Motto "Tugend durch Terror" handelten und die Kriminalität tatsächlich auf Null brachten. Ein großes Problem war dabei allerdings, dass die afghanische Bevölkerung die "anderen" Regeln der wahhabitischen Moslems gar nicht kannten. "Eine Dämonisierung der Taliban ist trotzdem völlig falsch", so Dr. Eröz. Schließlich waren sie über viele Jahren hinweg durch die USA als Kämpfer gegen die Russen sogar unterstützt worden.
Und Osama bin Laden wiederum habe mit Afghanistan und diesen Taliban eigentlich auch nichts zu tun. Ursprünglich rekrutierte dieser Araber Männer für den Kampf gegen die Russen und schuf sich dabei eine Datei mit über 70 000 bis 80 000 überzeugten und hochmotivierten Moslems. Und auch diese Ausbildung wurde bis 1998 durch die USA geduldet, "danach wurde die Ausbildung für Freiheitskämpfer umgedeutet in Ausbildung für Terroristen".
Was die Zukunft bringt, sei ungewiss, "in Afghanistan ist alles möglich", so der Referent. Ganz wichtig sei allerdings, dass die Menschen eine Zukunft sehen. Und dafür sei es unbedingt notwendig, den jetzigen Opiumanbauern auch finanziell die Möglichkeit zu geben, Getreide oder anderes anzubauen. Immerhin sei die Jahresproduktion Afghanistans an Opium rund 200 Milliarden Dollar wert. Und schließlich gehe nichts ohne Berufsausbildung der Männer, sonst bleibe der Opiumanbau die einzige Geldquelle. Und gerade auch im Bildungsbereich engagiert sich Dr. Erös mit seinem Hilfsprojekt "Bildung statt Fundamentalismus - Friedens-Schulen für Afghanistan".
 

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