Frankfurter Rundschau vom 5.8.2002
Helfen, mogeln, Spritzen geben
Der frühere Bundeswehrarzt Reinhard Erös erzählt von seiner Arbeit in Afghanistan
Von Gottfried Oy
Gutes tun und darüber reden. Nicht zuletzt das immer härtere Geschäft um Spendengelder verpflichtet Entwicklungshelfer, nicht nur zu handeln, sondern auch das Helfen zu kommunizieren, wie es auf PR-Deutsch heißt. Bücher, die dabei herauskommen, können sehr wohl interessant sein, wie die Erinnerungen von Reinhard Erös beweisen. Differenzierter, als der Buchtitel vermuten lässt, weiß der freigestellte Bundeswehrarzt über seine Erlebnisse zu berichten.
Die Welt der Armut und des Elends habe ihn, so Erös, seit seinen Studientagen nicht mehr losgelassen. Ärztlichen Hilfseinsätzen in Tansania und Indien - im legendären Sterbehaus Mutter Theresas in Kalkutta - folgt 1986 der erste Pakistan-Aufenthalt, um von dort das Deutsche Afghanistan Komitee zu unterstützen. Afghanistan befindet sich zu dieser Zeit im Krieg mit der Sowjetunion. Das Ende des Krieges, der von 1979 bis 1989 fordert, mehr als eine Millionen Menschen verstümmelt hinterlässt und ein Drittel der 15 Millionen Afghanen ins Exil treibt, ist noch nicht abzusehen. Hilfseinsätze können nur illegal in Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen organisiert werden. Diese wittern wiederum hinter jedem Fremden einen sowjetischen Spion. Ein Anschuldigung, die zur Todesstrafe ausreicht.
Reinhard und Anette Erös leben mit ihren Kindern mehr als drei Jahre in Peschawar im Nordwesten Pakistans, um von dort aus die Arbeit des Deutschen Afghanistan Komitees zu koordinieren. Etwa zweitausend Europäer und US-Amer etwa anderthalb Millionen Todesopferikaner aus mehr als zweihundert Hilfsorganisationen sind Ende der achtziger Jahre in der Stadt und prägen deren Alltag. Zugleich versammeln sich in Peschawar zahlreiche Exilgruppen, darunter auch Islamisten, die sich auf die Nachkriegzeit vorbereiten. Viele dieser Hilfsorganisationen und Exilgruppen führen Crossborder-Aktivitäten durch: Sie reisen für einen begrenzten Zeitraum illegal nach Afghanistan ein und führen Hilfseinsätze durch oder schmuggeln Waffen.
"Das wirtschaftliche und soziale Gefüge im Nordwesten Pakistans gerät zunehmend aus den Fugen", notiert Erös. Neben den gefährlichen, illegalen Einsätzen der Ärzte im Kriegsgebiet richtet das Deutsche Afghanistan Komitee in einem pakistanischen Flüchtlingslager eine Lehrkrankenstation ein, bildet Afghanen in der Krankenpflege und als so genannte Barfußdoktoren aus. Diese begleiten die deutsche Ärzte bei ihren Crossborder-Einsätzen.
Kulturadäquates Verhalten und interkulturelle Kompetenz sind Begriffe, die Erös am Herzen liegen. Immer wieder werden Erlebnisse zum Teil sehr anekdotenhaft erzählt, immer wieder geht es dabei um den vermeintlich richtigen Umgang mit den Einheimischen. Diesen ist - wie kann es anders sein - natürlich nicht europäisch rational, sondern lediglich mittels einer Art Kolonisatoren-Schläue beizukommen: Da reichen die Anglerstiefel für den pakistanischen Beamten, um Zollformalitäten zu beschleunigen, und da muss dem Mudschaheddinkämpfer schon mal eine Spritze gegeben werden, obwohl kein Befund vorliegt - weil er das angeblich erwartet.
Und um den unter Spionageverdacht stehenden Arztkollegen vor der Todesstrafe zu retten, wird eine gefakte Pressekonferenz inszeniert, die den entlarvten Spion vor der "Weltöffentlichkeit" bloßstellt. Die afghanischen Ankläger verstehen kein Wort, lächeln aber zufrieden. "Wir Europäer sitzen noch lange an diesem Abend zusammen und stoßen des Öfteren mit dünnem Murray-Bier auf diese ‚Räuberpistole' an."
Beängstigend und beeindruckend zugleich ist hingegen die Schilderung des eigenen physischen und psychischen Zusammenbruchs aufgrund der mehr als schrecklichen Kriegserlebnisse. In diesen Passagen tritt eine Offenheit zu Tage, die Erös bei einem anderen Thema wohl nicht möglich war. Das Kapitel des Buches, welches den Alltag des Familienlebens in Pakistan schildert, ist von Anette Erös, seiner Ehefrau, geschrieben. Ihr obliegt es auch, vom plötzlichen Tod ihres jüngsten Kindes, des dreijährigen Trutz, zu erzählen.
Anfang der neunziger Jahre verlässt die Familie Erös Pakistan. Die weltpolitische Lage hat sich radikal gewandelt: Die Rote Armee ist aus Afghanistan abgezogen, die Sowjetunion existiert nicht mehr, und die deutsch-deutsche Vereinigung ist vollzogen. "In der Summe aller Faktoren haben auch die Afghanen mit einem ungeheuren Blutzoll ihren Anteil am friedlichen Zusammenführen der beiden Teile Deutschlands", bilanziert Erös das Geschehen. Grund genug, "den Afghanen ungeheuer dankbar zu sein". Hier erscheinen die deutschen Hilfsaktionen für Afghanistan plötzlich in einem ganz anderen Licht.
Anfang der neunziger Jahre versinkt Afghanistan aber auch in einen lang andauernden Bürgerkrieg, bis eine radikal islamistische Gruppe das Land mit rabiaten Methoden befriedet: die Taliban. Ihre Law and Order Politik findet sowohl in Teilen der Bevölkerung, als auch im westlichen Ausland Unterstützung. Erst der 11. September 2001 ist schließlich der Anfang vom Ende des Taliban Regimes.
Die weitere Geschichte ist bekannt. Erös, der Ende der neunziger Jahre wieder nach Pakistan zurückkehrt, bekommt dort auch die weniger bekannten Randnotizen mit. Etwa das taktische Verhalten der Taliban, um die Kontrolle über die Exilafghanen in Pakistan zu gewinnen, das auch der von Erös errichteten Paghman-Trutz-Friedensschule, einer Mädchenschule, zugute kommt. Aber auch die Kriegsführung der US-Truppen in Afghanistan, deren geringe Verluste darin begründet sind, dass sie afghanische Freischärler vorschicken. Jeder Tote, berichtet Erös, wird mit hundert Dollar entlohnt, die Familie erhält noch einmal tausend Dollar, nachweislich unschuldig getötete männliche Zivilisten sind auf der Preisliste mit tausend Dollar verzeichnet, getötete Frauen tauchen gar nicht auf.
Kabul wird nach dem Ende des Taliban Regimes schnell von der internationalen Hilfsorganisationsszenerie bevölkert. Die Mietpreise gehen in wenigen Wochen in den vierstelligen Dollarbereich, Nobelboutiquen, Gourmetrestaurants und Feinschmeckerläden entstehen, während der Rest des Landes in Armut versinkt. Erös richtet derweil für die Kinderhilfe Afghanistan in Jalalabad eine Mädchenschule ein. Das Helfen geht weiter.
Reinhard Erös: Tee mit dem Teufel. Als deutscher Militärarzt in Afghanistan. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2002, 272 Seiten, 19,90 .
